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Antifa-Nachrichten November 2006
Leonberg: Besuch aus „Stalingrado“ - von Brigitte Renkl
Für den 15. bis 17. September hatten sich italienische Gäste bei unserer KZ-Gedenkstätteninitiative /Leonberg angekündigt. Es kamen Pino Valota, der Vorsitzende der ANED aus Sesto San Giovanni und vier junge Antifaschistinnen und Antifaschisten, Allessandro, Fabio, Mari und Monica. Sie schleppten einen schweren Gedenkstein zu uns in die Wohnung, auf ihm war zu lesen:
Die Sektion der “Associazione Nazionale dei Deportati Politici nei Lager Nazisti” (ANED) der Stadt Sesto San Giovanni gedenkt ihres Mitbürgers Giovanni Cima, der 36 Italiener und der Toten jeglicher Herkunft, welche im Lager Leonberg ums Leben kamen. Dieser Gedenkstein will die Wunden der großen Tragödie des 2. Weltkrieges nicht wieder aufreißen, sondern an das Geschehene erinnern. Wir, die Einwohner von Sesto San Giovanni, und Ihr, die Einwohner Leonbergs, sind uns einig: „Erinnern heißt Wissen, Wissen heißt Freiheit. Lasst uns der Erinnerung eine Zukunft geben.“
Dann gingen die Gespräche los. Pino hatte seinen Vater im KZ Mauthausen verloren und Pino, der Arbeitersohn, hatte daraus die Verpflichtung für sich übernommen, die Geschichte von Widerstand und Deportation in seiner Stadt zu erforschen. 562 Menschen konnte er ermitteln, die aus der Kleinstadt im Norden von Mailand in die Nazilager verschleppt worden waren. Über Zweihundert mussten dort ihr Leben lassen.
Nun waren wir nicht ganz unvorbereitet – wir hatten durch die uns befreundeten Filmemacher Angelo Ferranti und Leonardo Gervasi schon im letzten Jahr einen italienischen Film auf DVD bekommen, mit dem Titel „Quei ragazzi di ’44“ („Diese Leute von 1944“). Und so wussten wir bereits, dass Sesto San Giovanni in Italien den Ehrennamen „Stalingrado“ trägt und von der italienischen Republik mit der Goldmedaille der Resistenza ausgezeichnet worden war. Ja, Sesto San Giovanni war wirklich das Stalingrad im Westen. Diese Stadt war 1943 eines der Zentren der faschistischen Rüstungsindustrie, mit so wichtigen Fabriken wie Pirelli, Marelli, Breda u. a. und es war ein Zentrum des Arbeiterwiderstands, der von der kommunistischen Partei geführt wurde. Im März 1943 – also noch vor der Landung der westlichen Alliierten in Sizilien und vier Monate vor der Absetzung Mussolinis – waren in Oberitalien Hunderttausende in einen mehrtägigen Streik getreten. Die Zentren waren Turin – und eben Sesto San Giovanni. Nach der Besetzung ganz Italiens durch die Naziwehrmacht, der Befreiung und Wiedereinsetzung Mussolinis mit seiner Marionettenregierung in Saló am Gardasee, wurden die Repressionen schärfer, aber auch der Widerstand stärker. Er kulminierte in den in Italien berühmten Märzstreiks von 1944, mit denen für eine Woche die Rüstungsindustrie Norditaliens lahm gelegt wurde und Sesto San Giovanni maßgeblich dazu beitrug, den Nazis ihr kommendes Ende wie ein Menetekel vor Augen zu führen. Die Streiks von 1943 und 44 waren die einzigen antifaschistischen Massenstreiks während des zweiten Weltkriegs. Wütend und in Zusammenarbeit mit den faschistischen Terrororganisationen versuchten die Nazis ihr nahendes Ende hinaus zu schieben. Von daher der wahnwitzige Blutzoll dieses kleinen tapferen „Stalingrado“ bei Mailand.
Am Samstag besuchten wir mit unseren Gästen den „Weg der Erinnerung“ in Leonberg, der von der Stadtmitte zum Engelbergtunnel führt, der Produktionsstätte der Messerschmidt AG mit angeschlossenem eigenen KZ. Am Nachmittag besuchten wir das KZ in Vaihingen/Enz, wo uns Herr Becker eine fachkundige und engagierte Führung gab. Auf dem dortigen KZ-Friedhof hatten vor einigen Jahren Nazis über tausend Gedenksteine heraus gerissen und zu einem Hakenkreuz formiert.
Am Abend zeigten wir nach einem gemeinsamen Essen im kleineren Kreis den oben bereits genannten Film „Quei ragazzi di ’44“, der von unserem Kameraden Conny eingeleitet und ins Deutsche übersetzt wurde.
Am Sonntag wurde im Rahmen einer Feierstunde der Gedenkstein für Giovanni Cima auf dem städtischen Friedhof niedergelegt. Es sprachen der erste Bürgermeister der Stadt Leonberg, Helmut Noe, der Vorsitzende der KZ Gedenkstätteninitiative, Eberhard Röhm, und unser Freund Pino Valota verlas einen Brief des Bürgermeisters von Sesto San Giovanni: „ Die Arbeiter, die Frauen und die Männer von Sesto San Giovanni haben nicht nur ihre Freiheit und die aller Italiener verteidigt, sondern auch ihre Würde als Arbeiter. In jenen Zeiten hieß, sich gegen Nazis und Faschisten zu entscheiden, das Leben zu riskieren; Tausende von ihnen hatten keinerlei Zweifel, auf welcher Seite sie zu stehen hatten….Es ist an uns, an den Generationen, die nach dieser Zeit geboren wurden, sich an die Vergangenheit zu erinnern, an die Namen derer, die für unsere Freiheit gefallen sind, für die Freiheit des italienischen und des deutschen Volks.“
Eberhard Röhm ging in seiner Rede auf das städtische Denkmal im Friedhof ein: „Der Text auf der Rückseite des 1962 errichteten Grabmals verschleiert bewusst das schreckliche historische Geschehen von April 1944 bis April 1945. Die Jahreszahl 1939-1945 weckt die Vorstellung, es handele sich bei den hier umgebetteten Toten aus dem Massengrab des KZ allgemein um Kriegsopfer. Keine Namen von Menschen aus 24 Ländern, kein Wort vom KZ. Eure Tafel nennt nun zum ersten Mal das Lager. Und ihr nennt einen Namen, den Namen eures Mitbürgers Giovanni Cima.“
Neben der Tafel hatten unsere Freunde auch biographische Daten und ein Bild von Giovanni Cima mitgebracht. So erhalten die Namen von dreitausend Häftlingen des KZ, die wir aus Transport- und anderen Listen ermittelt hatten und die nun auf großen stählernen Namenswänden vor dem Engelbergtunnel zu lesen sind, auch ein Gesicht und ihr Leiden füllt sich mit Leben.
Für uns waren die intensiven Tage mit unseren italienischen Gästen auch ein Exempel dafür, wie der Kampf um unsere Erinnerung weitergeführt werden kann, auch wenn die jetzt noch wenigen Überlebenden einmal nicht mehr sind. Denn Naziverbrechen dürfen nicht vergessen werden, so lange sie unsere Zukunft bedrohen. Sie mahnen uns, wozu ein Wirtschaftssystem fähig ist, das auf Ausbeutung gebaut ist und auf Brutalität setzt.
Auf Einladung von Bürgermeister Noe kamen alle, die unseren italienischen Freunden als Gastgeber zur Verfügung gestanden waren, allen voran Irmtraud Klein, zu einem gemeinsamen Mittagessen. Wir schieden als Freunde und Kameraden im gemeinsamen antifaschistischen Kampf und seitdem gibt es manche E-Mail zwischen Leonberg und „Stalingrado“. 2007 werden wir uns in Mauthausen wieder sehen.
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