Nachruf auf Giuseppe Covacich

Giuseppe Covacich (20. Juni 1925 - 28. Januar 2020)

Aus Italien erreichte uns die Nachricht, dass einer der letzten Überlebenden des KZ Leonberg, Giuseppe Covacich, im Alter von 94 Jahren verstorben ist. Wir als Gedenkstätte sprechen seiner Frau Albina und seiner Familie unsere herzliche Anteilnahme aus und erinnern uns an einen liebenswerten Menschen, den wir vor 20 Jahren kennen gelernt haben.

Giuseppe Covacich wurde am 1. März 1944 mit 19 Jahren zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter und seiner Schwester im Rahmen einer Vergeltungsmaßnahme gegen Slowenen in seiner Heimatstadt San Giovanni bei Triest von der italienisch-faschistischen politischen Polizei verhaftet. Drei Monate lang wurde die Familie in verschiedenen Gefängnissen in Triest festgehalten und Mitte Juni nach Deutschland abtransportiert. Die Mutter und Schwester verschleppte die SS nach Auschwitz. Giuseppe wird sie erst nach dem Krieg wiedersehen.  Sein damals 42jähriger Vater gleichen Namens und der Sohn Giuseppe Covacich kamen in das KZ Dachau und wurden anschließend gemeinsam am 29. Juni 1944 auf Lastwagen in das KZ Leonberg abtransportiert. Wie Klaus Beer in unserem Buch „Aus vielen Ländern Europas“ (2008) schreibt, war Giuseppe damals Student an einer Technischen Fakultät in Triest. In Leonberg wurde er beim Bau der Tragflächen für die Me 262 eingesetzt, eine Arbeit, die er bei der ersten Begegnung mit ihm anschaulich schilderte, und zwar bei einem Interview von Ingrid Bauz und Joachim Baur von der Geschichtswerkstatt am 30./31. Juli 2000 in Ronchi dei Legionari (Italien). Dabei sprach er auch davon, dass er am selben Arbeitsplatz wie der Vater tätig sein konnte und so die beiden Tag für Tag sich begegneten, ohne dass die Umgebung ihr Verwandtschaftsverhältnis kannte. Sie hatten zwei aufeinander folgende Häftlingsnummern: Der Vater Giuseppe Covacich hatte die Nummer 18931, der Sohn Giuseppe Covacich hatte die Nummer 18932. Das Leben im KZ Leonberg war zeitweise die Hölle, wie Giuseppe Covacich im selben Interview schildert. Bei jeder Kleinigkeit wurde sowohl von den Kapos wie auch von den Messerschmitt-Vorarbeitern geschlagen. Als ein Mithäftling geflohen war und darum beim Zählappel nach der zwölfstündigen Arbeit von den tausend Häftlingen einer fehlte, ließen die Bewacher zur Abschreckung die gesamte Schicht während der ganzen zwölfstündigen Ruhepause auf dem Appell-Platz in Habacht-Stellung stehen. Anfang April 1945 wurde die Produktion im Engelbergtunnel eingestellt, die Maschinen und das Gerät der Firma Messerschmitt nach Bayern abtransportiert und die Häftlinge teils zu Fuß zum Bahnhof Esslingen getrieben, von wo man sie in Güterwagen in das KZ-Außenlager Kaufering bei Landsberg/Lech abtransportierte. Da es in Kaufering keine Verwendungs- und keine Unterkunftsmöglichkeit für die Leonberger Häftlinge gab, wurden sie in verschiedene Himmelsrichtungen weitergeschickt. Die Gruppe mit Giuseppe Covacich und seinem Vater und neun anderen, namentlich bekannten Leonberger Häftlingen wurden nach Norden zum Flugplatz Ganacker bei Eggenfelde an der Rott getrieben. Dort trafen sie auf die Me 262, für die sie ein halbes Jahr in Leonberg gearbeitet hatten. Das Flugzeug sollte dort unter ständigen Tieffliegerangriffen eingeflogen werden. Auch hier herrschte nur noch das blanke Chaos. Es gab nichts zu Essen, nur Schläge von der SS. Die Gefangenen wurden dazu gezwungen die bombenzerstörte Landebahn wieder herzustellen. Am 25. April wurde der Flugplatz aufgegeben und die Häftlinge auf einen etwa 30 km langen Todesmarsch in Richtung Eggenfelde getrieben. Ein Mithäftling beschrieb den Weg so: „Wir sind Tage gegangen ohne Essen. Wir haben nichts bekommen. Die Leute waren so hungrig. So sind sie aus der Reihe heraus gegangen und haben Gras gepflückt und gegessen. Die gepflückt haben, bekamen eine Kugel.“ Schließlich löste der Zug sich auf, nachdem die SS-Wachmannschaften das Weite gesucht hatten und in nahe gelegenen Bauernhäusern sich nach Zivilkleidern umsahen.  Für die fremdländischen KZ-Häftlinge war damit freilich der Krieg noch nicht zu Ende. Denn plötzlich tauchte eine motorisierte Feldjägertruppe auf und kreiste die Flüchtenden ein, wie Giuseppe Covacich im Interview 2000 uns berichtete. Zusammen mit seinem Vater und drei weiteren slowenischen Häftlingen aus Maribor rannten sie, so gut sie konnten und entgingen so dem Schusswechsel. Eine erste Unterkunft fanden sie in einem Bauernhaus. Im Interview heißt es dazu: „Die Bäuerin war zunächst misstrauisch. Sie traute ihren Augen nicht, als sie uns fünf sah, fünf Kadaver auf Beinen.“ Ihre Rettung war, dass einer der Häftlinge die ganze Lagerzeit hinweg ein Marienbild um den Hals hängen hatte.  Weiter im Interview: „Die Frau  war sehr erstaunt darüber. Denn für sie waren wir Banditen. Als sie die Madonna gesehen hatte, dachte sie, wenn wir eine Madonna haben, können wir doch keine Banditen sein. Und danach hat sie uns so viel zu essen gegeben, wie wir wollten.“ Jetzt machten Vater und Sohn sich zu Fuß auf den Heimweg. So unglaublich es scheint, noch einmal wurden sie an einer SS-Kontrolle eingefangen und in den ersten Maitagen für kurze Zeit in das KZ Ebensee in Oberösterreich, einem Außenlager des KZ Mauthausen, gebracht. Dort erlebten sie die Befreiung durch die Amerikaner. Endlich, am 15. Mai waren Vater und Sohn wieder zu Hause in ihrem Heimatdorf San Giovanni.

Unvorstellbar ist für uns, wie ein junger Mensch solche Erlebnisse mit ständigen Todesbedrohungen verkraften konnte und ein Leben lang mit sich geschleppt hat. Jetzt ist dieses Leben mit 95 Jahren an ihr Ende gekommen. Wir erinnern uns an unseren italienischen Freund. Seinen Namen haben wir schon vor 15 Jahren in unsere Namenswand einbrennen lassen.

Eberhard Röhm 

 


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