Nachruf auf Frederick E. Wolf (26. August 1929 – 16. April 2011)

Er gehörte zum Urgestein der KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg. Schon in den Siebzigerjahren hat er sich der Erinnerung an das KZ Leonberg und deren Opfer verschrieben, Frederick E. Wolf, von 1975 bis 1980 Leiter und Dozent der Evang. Erwachsenenbildung in den Kirchenbezirken Leonberg und Ditzingen im Haus der Begegnung. Am Samstag, 16. April, ist er mit 81 Jahren in Gars am Inn, seinem letzten Wohnort, eines plötzlichen Todes gestorben. In seinem Weihnachtsrundbrief 2010 schrieb er noch: „Ich fühle mich pudelwohl. Die Mediziner können wirklich kein Geld an mir verdienen.“
Frederick Wolf war eine außergewöhnliche, eckige Persönlichkeit, der – auch wenn er nur fünf Jahre in Leonberg aushielt - tiefe Spuren hier hinterlassen hat, jedenfalls bei vielen seiner Freunde, die zeitlebens mit ihm verbunden blieben. Er wollte in seiner bewegten beruflichen Laufbahn immer Pionierarbeit leisten, Modelle entwickeln, durch die Menschen sich in Projekten und Gruppen zusammenfänden, um so in einer friedlichen Welt ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können. Da war er in dem gerade erst unter der Schirmherrschaft von Dekan Eugen Stöffler eröffneten „Haus der Begegnung“ in der Eltinger Straße am rechten Platz.
Wolf ist im westfälischen Bethel aufgewachsen. Der Großvater wie auch der Vater waren Pfarrer in den Bodelschwinghschen Anstalten. Er ist damit im Umfeld der Bekennenden Kirche groß geworden und hatte – unvergessen - während seiner Leonberger Zeit Martin Niemöller, ein westfälischer Kollege des Vaters, zur Eröffnung einer Friedensausstellung ins Neue Rathaus geholt.
Nach dem Krieg hatte Fredrick Wolf Landwirtschaft und Sozialwissenschaften in Bonn und Köln studiert. Es folgten Jahre der Tätigkeit in der Mitarbeiterschulung im Gerling-Konzern und anschließend als Referent in einem Erwachsenenbildungsprogramm des Gesamteuropäischen Studienwerks in Vlotho/Westfalen. Seit 1975 mischte er die Szene in der evangelischen Erwachsenenbildung in Leonberg auf, oft mit dem Versuch, die bisher gesetzten engen kirchlichen Grenzen zu durchstoßen. So beteiligte er sich an Selbsthilfegruppen von Adoptiveltern im Rahmen der Kreisfamilienberatungsstelle. Er war dabei, als die Sprachhilfe für Gastarbeiterkinder, wie man damals noch sagte, ins Leben gerufen wurde. Er war mit dabei, als sich der bürgerliche Protest gegen die Ansiedlung von IBM im Landschaftsschutzgebiet am Rappenberg formierte und die spätere GABL vergeblich um ein Bürgerhaus statt der geplanten Stadthalle in der entstehenden neuen Stadtmitte kämpfte. Er war nicht nur im Haus der Begegnung zu Hause, sondern auch im Jugendhaus und in den Leonberger Kneipen, wo Jugendliche sich sammelten. Gesellschaftliche Gruppen sollten zusammen geführt werden. So organisierte er ein erstes Wochenendtreffen auf der Schwäbischen Alb zum Austausch von Lehrern, Eltern und Schülern des Albert-Schweitzer-Gymnasiums. Was uns aber am stärksten in Erinnerung bleiben wird, ist sein Engagement bei der erstmaligen systematischen Erforschung der Geschichte des KZ Leonberg. Anlass war, wie Renate Stäbler und Monica Mather es anschaulich in der KZ-Gedenkstätten-Schrift „Schwierigkeiten des Erinnerns“ (2007) dargestellt haben, die Partnerschaftsfeier mit Belfort im Februar 1977. Belforts Bürgermeister Emil Gehant, selbst Häftling in einem deutschen KZ, wollte zur Überraschung der Leonberger als erstes am Gedenkkreuz am ehemaligen Massengrab auf dem Blosenberg einen Kranz niederlegen. Als Folge dieser Verlegenheit veranstalteten Dekan Eugen Stöffler und OB Dr. Ortlieb nicht nur eine Feier am Mahnmal, sondern setzten alsbald unter Federführung von Frederick Wolf eine Arbeitsgruppe ein, der der Kulturamtsleiter Karl-Heinz Fischötter und Pfarrer Horst Keil angehörten. Sie sichteten Archivquellen und interviewten 24 Leonbergerinnen und Leonberger als Zeitzeugen. Das Ergebnis wurde in einem dreitägigen Symposion zum KZ Leonberg vom 2. bis 4. April 1979 im Haus der Begegnung vorgetragen. Dabei versammelten sich mehr als 500 Personen und diskutierten am letzten Abend bis nach Mitternacht. Wer dabei war - wie ich -, wird diese Informationsveranstaltungen nie vergessen können. Fredrick Wolf hat die Redebeiträge dieser Abende sorgfältig protokollieren lassen und in einer mustergültigen Dokumentation „KZ in Leonberg“ (1980) veröffentlicht. Es war seinem Geschick zu verdanken, dass viele Jugendliche an den Abenden anwesend waren und die Dokumentation mit Bildern aus einem Kunstunterrichtsprojekt des Albert-Schweitzer-Gymnasiums illustriert wurde. Fredrick Wolf bewertete im Rückblick sein Engagement bei der Aufarbeitung der KZ-Geschichte als einen der Höhepunkte seiner Leonberger Zeit. Es war für ihn darum auch selbstverständlich, dass er alsbald nach Gründung der KZ-Gedenkstätteninitiative im Jahr 1999 – obwohl inzwischen nach Bayern verzogen - Mitglied bei uns wurde. Bei allen großen Anlässen wie der Einweihung des „Wegs der Erinnerung“, der Namenswand oder der Dokumentationsstätte im alten Engelbergtunnel war er als einer der Unsrigen von München hierher mit seinem Motorroller gekommen und war einfach dabei. Diese Anhänglichkeit kam nicht von ungefähr. Das Thema KZ war sein Lebensthema. Es waren traumatische Erlebnisse des damals 15-Jährigen in den letzten Kriegstagen, die Frederick Wolf bis an sein Lebensende begleiteten und worüber er selbst gegenüber Freunden erst allmählich sprechen konnte. Als Hitlerjunge kam er in den letzten Kriegswochen in die Fänge der SS und wurde – freiwillig oder nicht – einer bewaffneten Einheit zugeteilt, die bei Celle KZ-Häftlinge aus Bergen-Belsen jagen sollte, wobei er nicht nur die Elendsgestalten hautnah erlebte, sondern auch Häftlinge auf grausame Weise in seiner unmittelbaren Nähe umgebracht wurden. Ihre Gesichter blieben in sein Gedächtnis eingebrannt.
Von 1981 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1995 war Fredrick Wolf Referent in der Langau bei Steingaden, einer Bildungs- und Erholungsstätte der Diakonie der Bayrischen Landeskirche für Menschen mit und ohne Behinderung. In diesem Treffpunkt, in idyllischer Landschaft unweit der weltberühmten Wies-Kirche gelegen, entwickelte und betreute Wolf das sogenannte Langauer Modell zur „Frühförderung“ von Eltern mit behinderten Kindern. In der Behinderten gerechten Einrichtung konnten Eltern mit ihren schwerstbehinderten Kindern vom frühesten Alter an einer mehrwöchigen Freizeit teilnehmen. Ziel war es, den Betroffenen den Weg zum Zusammenschluss in Selbsthilfegruppen vor Ort zu ebnen. Im Kreis der Eltern mit ähnlichem Schicksal gäbe es eine Fülle an Kompetenzen – so die Idee des Modells -, die geeignet sind, zu den unausweichlich notwendigen Experten ein stärker partnerschaftliches Verhältnis zu gewinnen. Und so wurde Fredrick Wolf zum Ermutiger für viele Betroffene. Er fuhr von der Langau aus zu ihnen in ihre Regionen und unterstützte die entstehenden Elterngruppen mit seinen inzwischen gewonnenen Erfahrungen.
Bei all dem brach die Verbindung nach Leonberg nicht ab. Das Wolfsche Nest in der Langau mit Mechthild und Fredrick Wolf wurde für nicht wenige Jugendliche aus Leonberg zu einem Zufluchtsort in persönlichen, familiären und beruflichen Krisensituationen. Uns bleibt die Erinnerung an einen guten Freund, der zwanzig Jahre vor Gründung der KZ-Gedenkstätteninitiative mit dem begonnen hat, was uns heute noch als Auftrag und Verpflichtung wichtig ist.

Für den Vorstand: Eberhard Röhm


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