Nachruf auf Kamil Pixa

Wie wir erst jetzt erfuhren, ist am 8. Juni 2008 einer der letzten, uns bekannten Überlebenden des KZ Leonberg in einem Krankenhaus in Prag gestorben. Der Tscheche Kamil Pixa wurde 85 Jahre alt. Seinem Sohn, Kim Pixa, war es erst jetzt nach zwei Jahren der Trauer möglich, den Kontakt mit uns, Monica Mather und Renate Stäbler, aufzunehmen. Er bat uns, zusammen mit ihm zum zweiten Jahrestag des Todes von Kamil Pixa an der Namenswand vor dem alten Engelbergtunnel seines Vaters zu gedenken. Wir hatten Vater und Sohn bei der Einweihung dieser Namenswand im Juni 2005 näher kennen gelernt. Gefunden hatten wir den ehemaligen Häftling auf fast abenteuerliche Weise. Ein Sammler von alten Postsachen hatte uns die Kopie einer Postkarte aus dem Jahr 1944 überlassen, die an Kamil Pixa im KZ Leonberg adressiert war und den Hinweis enthielt, er sei zuvor im KZ Dachau gewesen. Über die Gedenkstätte Dachau und den Prager Kreis ehemaliger Deportierter machten wir ihn schließlich ausfindig und er nahm eine Einladung der KZ-Gedenkstätteninitiative, nach Leonberg zu kommen, an.
Während sich Vater und Sohn im Juni 2005 hier aufhielten, erzählte uns Kamil Pixa die Geschichte seiner Jugend im Widerstand gegen die Nazis und seiner Leiden in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Dachau und Leonberg. Seine Vorfahren waren aus Venedig nach Böhmen gekommen und handelten mit Reliquien. Von den klerikalen Bindungen und Geschäften distanzierte sich jedoch sein Vater, Jaroslav Pixa, bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Der intellektuelle Atheist mit dichterischer Neigung war sozialdemokratischer Abgeordneter und Gewerkschaftsvorsitzender, nach 1945 der Leitende Staatsbeamte in Böhmen. Kamils Mutter war die Schauspielerin Milada Pixa. Vater, Mutter und Sohn vereinte die Abscheu vor Hitler und dem Nationalsozialismus. Schon früh, insbesondere aber nach dem Einmarsch in das „Sudetenland” und der Ausrufung des Protektorats Böhmen und Mähren leisteten sie dem Regime entschiedenen Widerstand. Im Zusammenhang mit dem Attentat auf Reinhard Heydrich, dem Chef des Reichssicherheitshauptamts und stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, erlebte Tschechien im Jahr 1942 eine beispiellose Verfolgungs- und Verhaftungswelle der Nazis. Obwohl die Familie Pixa mit dem Attentat nichts zu tun hatte (es wurde von tschechischen Emigranten in England organisiert), versuchte die Gestapo aller Familienangehörigen habhaft zu werden. Der Vater entkam, aber Mutter und Sohn wurden eingefangen und im KZ Theresienstadt inhaftiert. Dort wurden sie in endlosen Verhören brutal geschlagen und gequält. Kamil wurde schließlich kurz nach seinem 20. Geburtstag im März 1943 in das KZ Dachau „verschubt”. Seine Mutter, Milada Pixa, von ihren Mitgefangenen wegen ihrer tröstenden Gesänge in der Zelle „Sonne” genannt, wurde am 4. Oktober 1944 standrechtlich durch Genickschuss hingerichtet.
Im KZ Dachau machte Kamil Pixa die Bekanntschaft des Schauspielers Erwin Geschonneck, der Vater des späteren, berühmten Regisseurs gleichen Namens, was für sein Leben nach dem Krieg eine große Rolle spielte. Geschonneck gehörte in Dachau zu einer geheimen Lagerorganisation, die aber aufflog. Zur Strafe wurde er in das KZ Neuengamme und Kamil Pixa nach Leonberg verlegt. In Leonberg verschaffte ihm der Kapo des Bombenentschärfungskommandos, bei dem er zeitweise mitarbeitete, einen Stubendienst-Posten. Das sicherte sein Überleben - sieht man einmal von der Lebensgefährlichkeit des Dienstes an sich ab. Nach Auflösung des Kommandos mussten alle Mitglieder Zwangsarbeit in der Tunnelfabrik von Messerschmitt leisten und Hunger, Kälte, Schlafentzug, Schikanen und Prügel durchstehen. Pixas engster Kollege bei dieser Arbeit war der vier Jahre ältere Norweger Kare Kverneland, der wie er 2008 verstarb. Beide hatten gehofft, sich 2005 ein erstes Mal nach dem Krieg wieder zu sehen, aber der Norweger war dann schon zu krank um noch anzureisen.
Gegen Ende der Leidenszeit im Tunnel verrieten deutsche Arbeiter den Häftlingen, dass der Tunnel zum Schluss mit ihnen zusammen gesprengt werden solle. Das veranlasste Kamil Pixa, sich mit Freunden zur Flucht zu verabreden, sie wurden jedoch geschnappt und zu harten Prügelstrafen verurteilt. Dabei, so war Pixa überzeugt, wurde jedoch der Plan zur Sprengung öffentlich und damit undurchführbar. Die Fluchtgruppe wurde dann besonders gekennzeichnet und auf einem Sondertransport nach Mühldorf in Bayern transportiert. Bei Evakuierung des Lagers Mühldorf wurde Pixa mit 35 anderen “arischen” Häftlingen festgehalten. Sie „sollten das Lager herrichten wie wenn es ein Sanatorium gewesen wäre”. Da sie zu Recht befürchteten, anschließend liquidiert zu werden, kam es erneut zur Flucht. Dabei spielte ein Joker aus einem Kartenspiel eine Rolle, den Kamil Pixa als Glücksbringer betrachtete und den heute sein Sohn wie seinen Augapfel hütet.
Nach Kriegsende kam Kamil Pixa zurück nach Prag. Schon in den ersten Nachkriegsjahren wandte er sich dem Filmemachen zu. Sein erster Film war „Das Attentat auf Heydrich”, 1948. Er arbeitete bei der tschechischen Filmgesellschaft Kratku-Film, wandte neue Filmtechniken an, drehte Kurz-, Trick- und Puppenfilme. Bis ins hohe Alter bliebe er ein kreativer, rastloser Geist. 2006 ist er an Demenz erkrankt und am 8. Juni 2008 gestorben. Sein heute 29 Jahre alter Sohn aus dritter Ehe, Kim, pflegte ihn zwei Jahre lang rund um die Uhr. Er musste miterleben, wie seinen Vater in der Schlussphase der Krankheit schwere Halluzinationen quälten. Er wähnte sich wieder in der Gewalt von Gestapo und SS und flehte seinen hilflosen Sohn an, ihn vor seinen Peinigern zu beschützen.
Monica Mather/Renate Stäbler


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