Autobauer wollen Licht in den Engelbergtunnel bringen

von Ludwig Laibacher
Stuttgarter Zeitung (Kreis Böblingen), 17. Mai 2002

Scheinwerfertests in der Röhre? - Luftzufuhr und Notausgänge fehlen - KZ-Initiative beschwört "die unheimliche Atmosphäre"

LEONBERG. Daimler-Chrysler und Bosch wollen für vier Jahre den stillgelegten alten Engelbergtunnel anmieten. Die Unternehmen möchten die stockdunkle Röhre für Scheinwerfertests nutzen.

Nachdem bis 1998 täglich mehr als 100 000 Autos durch die Röhre gefahren sind, versank der alte Engelbergtunnel in Leonberg in eine Art Dornröschenschlaf. Das heißt, nur die 300 Meter lange Oströhre. Ihr Gegenstück im Westen wurde gleich nach der Umleitung des Verkehrs auf den neuen Basistunnel mit Erdaushub aufgeschüttet. Nun also interessieren sich der Autokonzern Daimler-Chrysler und die Firma Bosch für die vor vier Jahren in eine fast totale Finsternis verfallene Röhre. Sie scheint ihnen genau der rechte Ort, um gemeinsame Tests mit Autoscheinwerfern durchführen zu können.

Erste Gespräche mit den Unternehmen habe es im Rathaus bereits gegeben, sagt Sprecherin Undine Binder-Farr. Der Gemeinderat wurde bisher nur in einer nichtöffentlichen Sitzung informiert. Wirtschaftsförderer Lutz Lemke berichtete von drei Terminen mit Unternehmensvertretern vor Ort. Grundsätzlich befürworte die Stadt das Vorhaben der beiden Unternehmen. Allerdings befänden sich die Verhandlungen noch "in einem sehr frühen Stadium", sagt Binder-Farr. Weitere Gespräche seien vereinbart. Zuvor aber wollten Daimler und Bosch eine Liste der Dinge erstellen, die im ehemaligen Tunnel verändert werden müssten.

So gebe es bisher große Sicherheitsbedenken, weil in der alten Röhre die Notausgänge fehlten. Außerdem müsse erst eine Frischluftzufuhr geschaffen werden. Und nachdem die letzten Autos durchgefahren waren, hatte man die Fahrbahn abgetragen. Das hat dazu geführt, dass Fußgänger, je weiter sie in den Tunnel hineinspazieren, in Nässe und Morast versinken. Auf Grund extremer Dunkelheit und Feuchtigkeit haben sich an der Tunneldecke Sporen und Pilzkulturen ausgebreitet.

Da die Stadt kein Geld für eine gründliche Sanierung und anfallende Unterhaltungskosten hat, wurde die Röhre im vergangenen Jahr auf Betreiben des Gesundheitsamtes für Veranstaltungen aller Art gesperrt. Bis dahin hatten in der Röhre, deren Umfeld seit 1998 renaturiert worden war, in unregelmäßigen Abständen Sommerfeste und Schülerfeten stattgefunden. Auch die Gedenkstätten-Initiative, die die Erinnerung daran wachhalten möchte, dass dieser Tunnel der einzig erhaltene Rest des einstigen Konzentrationslagers Leonberg ist, warnt bei Führungen vor Gesundheitsschäden. "Vor allem Allergiker sollten nicht zu weit hineingehen", sagt Eberhard Röhm, der Vorsitzende der Initiative.

Gerne allerdings würde der Verein den Tunnel zu einer Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus ausbauen. Erst dieser Tage habe eine Architekturstudentin aus Stuttgart als Examensarbeit ein Konzept abgeliefert, das sich mit einer entsprechenden Neugestaltung des Tunnels befasse, erzählt Röhm. Zwar wisse er von den Daimler-Plänen für eine Lichttestanlage, könne aber bisher kaum etwas dazu sagen. Allerdings hoffe er, "dass dieser Kelch an uns vorübergeht". Denn gerade diese spezielle Atmosphäre, das Unheimliche dieses Tunnels, befördere die Erinnerung an das KZ. Rainer Hangleiter, bei Daimler-Chrysler in Sindelfingen für Anmietungen zuständig, hatte schon bei ersten Gesprächen mit der Stadt betont, dass der Konzern die Gedenkstätte nicht antasten wolle. Da die Tests nur im Tunnelinnern auf eine Distanz von etwa 150 Metern Sinn machten, müssten sich die verschiedenen Projekte nicht in die Quere kommen.

17.05.2002 - aktualisiert: 18.05.2002, 06:34 Uhr


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