Die Vergessenen bekommen einen Namen

von Arnold Einholz
Der letzte große Häftlingstransport im März 1945in das KZ Leonberg wurde hier nicht mehr erfasst. Die Namen der 986 Männer waren deshalb bis vor Kurzem unbekannt. Nun errichtet die KZ-Gedenkstätteninitiative für sie ein weiteres Mahnmal.
Leonberger Kreiszeitung, 4. Dezember 2012

Ein „Haus der 1000 Namen" will die Leonberger KZ-Gedenkstätteninitiative bis zum 9. Mai 2013 für die Namen von weiteren fast 1000 ehemaligen Häftlingen des KZ Leonberg errichten.

Diese waren vor sieben Jahren noch nicht bekannt gewesen, als die stählerne Ge denkwand vor dem alten Engelbergtunnel aufgestellt wurde. In die sind die 2892 Namen von KZ-Häftlingen und 16 Gestapo-Häftlingen und Zwangsarbeitern eingeschnitten. In den Röhren des alten Tunnels produzierten insgesamt fast 5000 Häftlinge von Frühjahr 1944 bis April 1945 die Tragflächen des Messerschmitt-Düsenjägers Me 262.

„Was ist mit den ungarischen Juden?", soll Albert Speer, der damalige Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion, im April 1944, gefragt haben. Daraufhin habe Heinrich Himmler ihm versprochen, l00000 von ihnen für seine Rüstungsbetriebe zur Verfügung zu stellen. In Ungarn begann so ein weiteres Kapitel der Nazi-Barbarei, die von den rund 800000 Juden in Ungarn etwa 500000 das Leben kostete. „In diesem großen Kontext steht der Häftlingstransport vom 16. März 1945, mit dem 986 weitere Häftlingen nach Leonberg kamen und von denen man bis „im- August dieses Jahres kaum etwas wusste", erklärt Holger Korsten von der KZ-Gedenkstätteninitiative.

In den Wirren des untergehenden Nazi-Regimes wurde der Transport im KZ-Leonberg nicht mehr erfasst. Die Kommandantur des Hauptlagers Natzweiler, bei der insgesamt sechs Exemplare des Nummernbuches geführt wurden, existierte nicht mehr - die berüchtigte Bürokratie des SS-Lagersystems brach zusammen.

Die Namen der 986 Männer hatte die Gedenkstätte des KZ Flossenbürg aus verschiedenen KZ-Transportlisten zusammengetragen. Die Männer hatten schon eine Odyssee des Leidens hinter sich. Unter ihnen waren mehr als 650 Juden aus Ungarn. Sie kamen aus Auschwitz und waren zu Fuß von Groß-Rosen nach Flossenbürg in die Messerschmitt-Flugzeugproduktion getrieben worden, bevor sie in Züge gesteckt und nach Leonberg und Dachau transportiert wurden. „Sie kamen von einem von Seuchen, Tod, Willkür und Hunger geprägten KZ in ein überbesetztes gleichartiges Lager", berichtet Korsten auf dem jüngsten Treffen der KZ-Gedenkstätteninitiative, bei dem das Projekt „Haus der 1000 Namen" besprechen wurde. „In dieser Zeit sind mehr als 50 Männer pro Woche in Leonberg gestorben", berichtete Korsten.

Der Tübinger Künstler Johannes Kares soll nun für die KZ-Gedenkstätteninitiative bis zum Frühjahr 2013 ein zweites Kunstwerk errichten, gegenüber der Wand mit den schon bekannten fast 3000 Namen. Es soll ein abstrahiertes Haus aus Stahlrohren werden und die Stahlplatten beherbergen, in die die neu erforschten Namen von Hand mit Schlagbuchstaben geschlagen werden. „Es war technisch und ästhetisch nicht möglich, die alte Wand einfach zu verlängern", sagte Kares. Auch wolle er zu der sehr technisch gehaltenen Stahlwand nun eine poetischere Form als Gegenpunkt in den Raum stellen, meinte der Künstler.

Die Namen in die Stahlplatten schlagen Jugendliche unter der Anleitung des Künstlers vom 29. April bis zum 7. Mai 2013 in einem Jugendcamp. An fünf Tagen werden zehn Schülergruppen mit ihren Lehrern an dem Unterrichtsprojekt an diesem authentischen Ort vor dem alten Engelbergtunnel teilnehmen.

Das Projekt wird mit rund 34000 Euro (70 Prozent der Kosten) von der EU bezuschusst. Mittels fünf Partnerorganisationen der KZ-Gedenkstätteninitiative in Frankreich, Italien, Polen, Ungarn und Deutschland sollen Überlebende dieses Transportes gefunden und zum Jugendcamp und zur Einweihung des „Hauses der 1000 Namen" am Europatag, am 9. Mai 2013 eingeladen werden.


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