Ein Mahner aus Leonberg
Ein Mahner aus Leonberg
„Vergessen wäre der zweite Tod“ – Eberhard Röhm wird 98
Eberhard Röhm hat die KZ-Gedenkstätte in Leonberg maßgeblich geprägt. Auch im hohen Alter arbeitet der Theologe weiter daran, den Opfern des NS-Regimes eine Stimme zu geben.
Von Arnold Einholz Leonberger Kreiszeitung 11.09.2026
Gestärkt von einem zur Tradition gewordenen Sommerurlaub in Dänemark hat Eberhard Röhm seine selbst erwählte Berufung wieder aufgenommen: der Tausenden Menschen, die im Dritten Reich im KZ Leonberg gelitten haben, zu gedenken und die Erinnerungen an sie aufrechtzuhalten. Doch nun soll er gewürdigt werden: An diesem Freitag, 11. September, begeht der rüstige Senior seinen 98. Geburtstag.
Gefragt, weshalb er sich gegen das Vergessen und für Versöhnung einsetzt, erklärt das Eberhard Röhm mit „meiner eigenen Biografie, denn ich gehörte zu den Verführten“. Dabei habe er das Glück gehabt, dass seine Lehrer ihm nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes eine neue Welt eröffnet hätten. Dies habe ihn auch zum Theologiestudium motiviert. Aufgewachsen in Stuttgart-Zuffenhausen mit fünf Geschwistern, hat Eberhard Röhm in der evangelischen Jugendarbeit mitgearbeitet. In Korntal hat er 1948 sein Abitur gemacht, danach in Tübingen und Göttingen Theologie studiert.
Auch Eberhard Röhms Frau engagierte sich
Gleich nach dem Examen heiratete er seine Kommilitonin Dorothee Schwarz. Als Mutter von dann vier Kindern hat Dorothee Röhm beschlossen, ihren Beruf nicht auszuüben. Aber das hat sie nicht davon abgehalten, sich ehrenamtlich zu engagieren. Sie hat den Eine-Welt-Laden mitbegründet und einen alternativen Ganztagskindergarten. Den haben politisch ähnlich Gesinnte, denen Elternmitarbeit wichtig war, von 1970 an für etwa 20 Kinder über einen Zeitraum von vier Jahren betrieben. Aus diesem Elternkreis ist in Leonberg die Grüne Alternative Bürgerliste (Gabl) hervorgegangen. Für sie war Röhm später im Leonberger Gemeinderat aktiv.
Die berufliche Karriere für Eberhard Röhm begann als Vikar in Ebersbach/Fils, dann folgte Ditzingen. 1960 kam er als Religionslehrer an das Leonberger Albert-Schweitzer-Gymnasium, wo er bis 1972 tätig war. Das sei die Zeit gewesen, in der er in der Stadt hängen geblieben sei, sagt Röhm. Er engagierte sich auch in der Ramtel-Kolonie. Es ist die Zeit, in der sich in Leonberg das Konzept der offenen Jugendarbeit etablierte. 1972 wurde Röhm an das pädagogisch-theologische Zentrum der Württembergischen Landeskirche in Stuttgart berufen. Bis zu seiner Rente im Jahr 1993 wirkte er dort als Pfarrer und Dozent und war für die Fortbildung der Pädagogen zuständig.
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Die Rolle der Kirche im Nationalsozialismus und die Erforschung des christlich-jüdischen Verhältnisses ziehen sich wie ein roter Faden durch das Wirken Eberhard Röhms. Das schlug sich auch in zahlreichen Publikationen nieder. Das Werk „Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ etwa wurde sogar im Berliner Reichstagsgebäude gezeigt. Für den ehemaligen Berater für Kriegsdienstverweigerer war es nur konsequent, dass er 1999 aus der Grünen-Partei austrat, als der damalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne) den deutschen Kriegseinsatz im Kosovo legitimierte.

Mit Politikern auf Augenhöhe: Eberhard Röhm voriges Jahr in Leonberg mit der damaligen Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne). Sie besuchte im Rahmen einer Gedenkstättenreise Erinnerungsorte in Baden-Württemberg.
Das zweite Themenfeld hat Röhm zusammen mit Jörg Thierfelder unter dem Titel „Juden – Christen – Deutsche“ in sieben Teilbänden von 1990 bis 2007 aufgearbeitet. Mit Eckhart Marggraf gab er zudem die Reihe „Oberstufe Religion“ heraus. Er arbeitete zudem am „Grundkurs Judentum“ mit, herausgegeben von Dieter Petri und Jörg Thierfelder. Weil er die Rolle der Kirche im Nationalsozialismus so tiefschürfend ausgeleuchtet hat, wurde Eberhard Röhm 2003 die Ehrendoktorwürde der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln verliehen.
Eine besondere Bitte zum 70. Geburtstag
Mit dem Wissen, dass von Frühjahr 1944 bis Frühjahr 1945 in Leonberg ein KZ existierte, in dem rund 5000 Häftlinge aus 24 Nationen in Zwangsarbeit in dem zur Produktionsstätte umgebauten Engelbergtunnel die Tragflächen für die Me 262 unter unmenschlichen Bedingungen fertigten, trat Eberhard Röhm an seinem 70. Geburtstag an den damaligen Leonberger Oberbürgermeister Bernhard Schuler heran – im Vorfeld der Eröffnung des neuen Engelbergtunnels: Am alten Tunnel solle eine Gedenktafel für das ehemalige KZ Leonberg angebracht werden.
Die Initialzündung für eine Stätte des Gedenkens und der Erinnerung an die Gräuel des KZ war ein Vortrag im Juni 1998 von Eberhard Röhm: „Erinnerung an die Vergangenheit“. Der fand anlässlich von „50 Jahre Samariterstift“ in Leonberg statt, das auf dem Gelände des ehemaligen KZ erbaut wurde. Basis für den Vortrag waren Informationen aus einer 1980 erschienenen Dokumentation „KZ in Leonberg“. In der Diskussion reifte die Erkenntnis, dass dieses düstere Kapitel der Leonberger Geschichte einer Aufklärung bedürfe. „Wir müssen diesen Menschen wieder eine Stimme geben“, lautete der Tenor damals.
Der ehemalige Richter Klaus Beer hatte die Idee, einen Verein zu gründen, der damalige Leiter des Samariterstifts, Harald Reinhard, versprach, Räume zur Verfügung zu stellen. Es war die Geburtsstunde des Vereins KZ‑Gedenkstätteninitiative. Der neue Verein hatte im Vorsitzenden Eberhard Röhm eine nimmermüde Triebfeder. Aktive Mitglieder, unter ihnen Renate Stäbler und Monica Mather, haben durch akribische Forschungen Tausenden Häftlingen einen Namen gegeben und Kontakte zu Überlebenden gepflegt. Röhm hat 2011 zwar sein Amt an Marei Drasdo abgegeben, doch das hat sein Engagement und seinen Elan nicht geschmälert. Er wurde zum Promoter des Kunstbandes „Moshe Neufeld – Bilder“, den er mit der ehemaligen Kulturamtsleiterin Christina Ossowski herausgebracht hat. Er enthält 2003 in Leonberg gezeigte Malereien, mit denen der ehemalige KZ-Häftling als Künstler seine Traumatisierung verarbeitet hat.
Ein Höhepunkt im Wirken der KZ-Gedenkstätteninitiative ist ohne Zweifel die Errichtung der stählernen Namenswand am 8. Mai 2005 am ehemaligen Tunneleingang, auf der alle bislang bekannten Namen der im Lager Inhaftierten stehen. Auf dem historischen KZ-Gelände wurde im Samariterstift ein Informations- und Gedenkraum errichtet. Auch die bei der Vereinsgründung angesprochene KZ-Dokumentationsstätte in der Weströhre des alten Engelbergtunnels ist wahr geworden.
Röhm: „Ich bin nur einer unter vielen“
An seinem 90. Geburtstag erhielt Röhm die Bürgermedaille der Stadt Leonberg. Gemischte Gefühle hat bei ihm im Mai 2021 indes das von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vergebene Bundesverdienstkreuz am Bande ausgelöst. „Eigentlich sind mir als jemand, dessen Kindheit und Jugend vom Krieg geprägt sind, Kreuze als Auszeichnung ein Gräuel.“ Als Jugendliche hätten sie sich geschworen, nie wieder Uniformen und Auszeichnungen zu tragen, sondern Menschen zu sein. Was die Auszeichnung betrifft: „Ich bin nur einer unter vielen, der dabei war bei dem, was das Team der KZ-Gedenkstätteninitiative erreicht hat.“
Mit seinem Wissen verbindet sich auch Eberhard Röhms pädagogisches Geschick, die junge Generation auch für die Thematik zu interessieren. Vergessen, das wäre der zweite Tod, den die Opfer aller Gewaltherrschaft erleiden müssten, sagt er.
Unermüdlich arbeitet Eberhard Röhm gegenwärtig an einem Buch, das die Biografien zahlreicher Insassen des ehemaligen KZ Leonberg bündeln soll. Und er pflegt akribisch das Archiv der KZ-Gedenkstätteninitiative, das ein gesamtes Stockwerk in seinem Haus einnimmt. Die letzten KZ-Überlebenden sind inzwischen verstorben, jetzt gehen bei Eberhard Röhm vermehrt Bitten um Auskunft von ihren Nachfahren ein, wie aktuell aus Australien. „Da können wir unseren bescheidenen Beitrag gegen das Vergessen leisten“, sagt der Jubilar.