Für die Rüstung schuften im Engelberg

von Alexander Ikrat
Stuttgarter Nachrichten, 19. Februar 2005

Über 3200 Menschen sterben im letzten Kriegsjahr in den acht Lagern der Region
Acht Konzentrationslager hat es im letzten Kriegsjahr rund um Stuttgart gegeben, tausende von Häftlingen mussten bis zuletzt und unter katastrophalen Bedingungen für die Rüstungsindustrie schuften. Mindestens 3200 überlebten es nicht.

Ein Bild wie in Auschwitz: Mehr als 600 halb verhungerte Häftlinge stehen mit erloschenen Augen hinter dem Stacheldraht, als französische Soldaten am 7. April 1945 in das KZ Wiesengrund im idyllischen Glattbachtal bei Vaihingen an der Enz einmarschieren. Ihre Bewacher hatten sie zwei Tage zuvor zurückgelassen, weil sie nicht mehr zu Fuß in Richtung Dachau gehen konnten. Der 21 Jahre alte Hersch Bornstein etwa wiegt bei 1,61 Meter Größe gerade noch so viel wie ein Kind: 30 Kilogramm.

Im Wiesengrund herrschen die schlimmsten Verhältnisse der Umgebung. Fünf Monate vorher hatten die Nazis das Arbeits- zum Krankenlager umfunktioniert. Während zuvor in nationalsozialistischem Größenwahn versucht worden war, eine unterirdische Flugzeugstartbahn in den Fels zu treiben, wurden nun von der Schwerstarbeit etwa in Echterdingen zu Tode erschöpfte Häftlinge aufgenommen. Tausende kamen zum Sterben nach Vaihingen. Nach Aussagen Überlebender waren es allein während einer Typhusepidemie im Februar täglich 33 Menschen.

Insgesamt mehr als 3200 Menschen haben sich zwischen Sommer 1944 und April 1945 in den KZ-Außenlagern der Region zu Tode gearbeitet. Dabei waren die KZ keine eigentlichen Vernichtungslager, wie die Nazis sie vor allem in Polen betrieben. Doch als die Kriegsproduktion in Deutschland ihrem Höhepunkt entgegenstrebte (den sie Mitte 1944 erreichte), war der Arbeitskräftemangel immer größer geworden. Verpflichtete die Wirtschaftsverwaltung zunächst nur Menschen aus besetzten Ländern wie Frankreich, Italien oder Holland zum "Dienst" in deutschen Fabriken, beschäftigte sie später auch die verhassten Polen und Russen - und schließlich die letzte "Reserve": die KZ-Häftlinge. So kamen im Sommer 1944 wieder Juden nach Württemberg. In Vaihingen etwa hielt am 13. August ein Zug mit 2189 Juden aus Polen, die arbeitsfähig waren und deshalb der Todesrampe in Auschwitz entgingen.

Die meisten Lager waren so genannte Außenkommandos des elsässischen KZ Natzweiler-Struthof. Sie wurden angelegt, als die Rüstung intensiviert und - um dem starken Bombardement der Alliierten zu entgehen - dezentralisiert werden sollte. Dabei ging es vor allem um Jagdflugzeuge. So produzierten die Häftlinge im stillgelegten Autobahntunnel bei Leonberg Tragflügel für den Messerschmitt-Jäger ME 262, während bei der Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF) in Geislingen an der Steige die Leitwerke und Munition - ausschließlich von Frauen - hergestellt wurden.

In Echterdingen musste der Flughafen in Stand gehalten, in Tailfingen der bestehende Flugplatz erweitert werden. Dabei galt weiterhin Heinrich Himmlers tödlicher Leitsatz, dass "auch die letzte Arbeitsstunde irgendeines Menschen für den Sieg nutzbar zu machen" sei. Schuften bis zum bitteren Ende also.

In Stuttgart selbst waren den Zweiten Weltkrieg über zwar bis zu 40 000 Zwangsarbeiter im Einsatz, KZ-Häftlinge aber "nur" zweimal. Die mobile Eisenbahnbrigade der SS traf im Oktober 1944 mit 505 Auschwitz-Insassen ein, einen Monat später kamen noch einmal 500 aus Sachsenhausen. Sie arbeiteten ebenfalls am Flughafen und hausten in Zügen, die nachts in Tunneln standen. Über 2200 Juden der Umgebung waren 1941 und 1942 in drei Schüben auf dem Killesberg zusammengetrieben und dann Richtung Osten deportiert worden.

Eine Besonderheit der Region war das KZ in Welzheim im heutigen Rems-Murr-Kreis. Der Außenposten der Gestapoleitstelle Stuttgart war 1935 für politische Gefangene eingerichtet worden, im nahen Rudersberg kam 1942 ein Lager für Frauen dazu. Beide Gefängnisse wurden auch zu Durchgangsstationen nach Dachau und in andere Vernichtungslager. In Welzheim starben mindestens 63 Menschen, die - wie Zeitzeugen schildern - zum Teil auf furchtbare Art und Weise zu Tode gefoltert wurden. Wie die anderen KZ der Region räumen die Nazis Welzheim Mitte April vor den anrückenden Streitkräften mit Marschrichtung Bayern. Schließlich sollen die Alliierten keinen Häftling lebend zu sehen bekommen.


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