Schüler hämmern tausend Namen in Stahl

von Arnold Einholz
Hell klingt jeder Hammerschlag auf die Punze, den Schlagstempel, und hallt aus dem ehemaligen Engelbergtunnel fast wie ein Glockenschlag zurück. Das meißelähnliche Werkzeug hinterlässt tiefe Spuren in dem dicken Stahlblech: der Name „Arbeiter Aaron“ ist nach 13 Schlägen zu lesen.
Leonberger Kreiszeitung, 2. Mai 2013

Viele weitere Hammerschläge werden im Zelt vor der KZ-Dokumentationsstätte in den kommenden Tagen noch in dem sonst so stillen Tal vor dem alten Tunnel erklingen, denn mit jedem weiteren Schlag geben die Hände von Jugendlichen mehr als tausend Opfern des Nazi-Regimes ihre Namen wieder und holen sie aus dem jahrzehntelangem Vergessen in die Gegenwart zurück. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Leonberger KZ-Gedenkstätteninitiative und dem Tübinger Künstler Johannes Kares errichten gegenwärtig fast 300 Jugendliche das „Haus der 1000 Namen“.

Erinnerung an 1000 vergessene NS-Opfer

Damit will die KZ-Gedenkstätteninitiative Häftlingen des KZ Leonberg gedenken, deren Namen noch nicht bekannt waren, als vor sieben Jahren die stählerne Gedenkwand vor dem alten Engelbergtunnel aufgestellt wurde. Der Großteil der Häftlinge, derer nun gedacht wird, kam in einem Transport am 16. März 1945 in Leonberg an und wurde in den Kriegswirren nicht mehr im Lager erfasst. Die sonst so akribische Bürokratie der Vernichtungsmaschinerie der Nazis war zusammengebrochen.

Die 999 Männer – die Namen von 986 hat die Gedenkstätteninitiative aus mehreren KZ-Listen zusammengetragen – hatten schon einen langen Leidensweg hinter sich. Unter ihnen waren mehr als 650 Juden aus Ungarn. Sie kamen aus Auschwitz und waren zu Fuß von Groß-Rosen nach Flossenbürg in die Messerschmitt-Flugzeugfabrik getrieben worden, bevor sie in Züge gesteckt und nach Leonberg und Dachau transportiert wurden.

„Der KZ-Gedenkstätteninitiative ist es dabei besonders wichtig, Jugendliche in das Projekt miteinzubeziehen“, sagt die Vereinsvorsitzende Marei Drassdo. 16 Gruppen mit Schülern ab der neunten Klasse aller Schularten, Auszubildende von Daimler und eine Gruppe aus dem Seehaus – also insgesamt knapp 300 jugendliche haben ihre Teilnahme zugesagt. Sie alle werden in dem Jugendcamp von der Schülerfirma „Cookies“ der Leonberger Pestalozzischule bewirtet. Die Cookies sind zehn Schüler der Klassen sieben bis neun, die unter der Anleitung von Köchin Ute Wittmann im Catering-Service tätig sind. Die Versorgung des Jugendcamps ist der erste große Auftrag für die Schülerfirma.

Jugendliche schlagen die Namen in Stahlplatten

„Das Rahmenprogramm des Jugendcamps beinhaltet auch das Thema KZ und Zwangsarbeit in Leonberg“, sagt der Ehrenvorsitzende der KZ-Gedenkstätteninitiative Eberhard Röhm. Als Gäste habe man auch Zeitzeugen und ehemalige Häftlinge gewonnen, mit denen es bereits rege Dialoge mit den Jugendlichen gegeben habe. Überlebende des KZ Leonberg aus Israel, Slowenien, Italien und Frankreich werden in der kommenden Woche erwartet, denn das Mahnmal soll am 9. Mai, dem Europatag, mit einem Festakt übergeben werden.

Bis dahin ist noch einiges zu tun. Das von Johannes Kares geschaffene abstrahierte Haus aus Stahlrohren steht schon. Das wird die Stahlplatten beherbergen, in die die nun 1140 Namen – darunter auch die von Gestapo-Häftlingen – von Hand mit Schlagbuchstaben gehauen werden.

Auch die ersten Platten mit Namen sind schon fertig. Gestern Nachmittag war die Klasse zehn der Ditzinger Konrad-Kocher-Schule am Werk. Davor hatten die Jugendlichen eine angeregte Diskussion mit dem ehemaligem Leonberger Richter Klaus Beer und dem Münchner Robert Lechner, der das schwere Schicksal seiner Familie und seine Kindheit als Sohn eines KZ-Häftlings schilderte. Der aus Hamburg stammende Beer gab einen Einblick in seine Kindheit. Seine Familie habe ihn damals nicht mit der gefährlichen Lebenssituation belastet, in der sie sich eigentlich befunden habe. Sein Vater erzählte nichts von seiner jüdischen Abstammung. Erst 1994 begann Beer die Familiengeschichte zu erforschen und fand heraus, dass 19 Familienangehörige von den Nazis ermordet wurden

„Es ist etwas Besonderes, Geschichte nicht aus den Büchern, sondern an authentischen Orten und von Zeitzeugen zu erfahren“, meint der 17-jährige Ditzinger Werkrealschüler Christian Keil im Anschluss an diese Begegnung. Nachdenklich fügt der 16-jährige Fabio Aranjo hinzu: „Man kann sich nur schwer vorstellen, was Menschen anderen Menschen antun können.“

„Gut, dass wir etwas gegen das Vergessen tun können“, sagen die beiden Jugendlichen auf dem Weg zum Zelt mit den sechs großen Ambossen. Hier stehen die fünf Millimeter dicken Tafeln aus Kortenstahl. Aufmerksamen lesen sie Schüler die Namenslisten und wählen bedächtig die richtigen Schlagbuchstaben aus. Beim ersten Schlag sind sie noch zaghaft, doch dann geht es zügig voran: Katz Salomon, Karic Aron, Katz David, Kedzierski


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