Biografie Riccardo Goruppi

Riccardo Goruppi wurde am 14. Februar 1927 in Prosecco auf dem Karst geboren. Sein Vater Edoardo, geb. 1895, war Viehhändler auf den Dörfern der Hochebene.

Als im September 1943 deutsche Truppen Italien besetzten, schloss sich Riccardo wie viele andere den Partisanen an. Er ging in die Berge bei Gorizia (Görz), wo er nebenbei auf einer Baustelle arbeitete. Als er sich im Herbst 1944 von einer Erkrankung zu Hause in Prosecco erholte, fand eine Razzia statt, bei der er verhaftet wurde, da ihn ein ehemaliger Kamerad verraten hatte.

Vater Edoardo wollte seinem Sohn helfen und besiegelte damit das Schicksal beider. Sie wurden in das Gefängnis Coroneo nach Triest gebracht.

Bis zum Abtransport am 8. Dezember 1944 wurde Edoardo Goruppi mehrmals verhört und gefoltert, Riccardo entging den Folterungen bei den Verhören durch glückliche Umstände wie einen Fliegeralarm. Vom Bahnhof Triest, wo sie in Viehwaggons gepfercht wurden, ging die Fahrt nach Dachau. Diese dauerte vier Tage.

Ende Dezember wurden die beiden Goruppis zum Weitertransport in ein ihnen unbekanntes KZ auf Lastwagen verfrachtet. Die Fahrt ging nach Augsburg. Dort wurden sie wieder in Viehwaggons getrieben. Die mehrtägige Fahrt endete am 31. Dezember 1944 in Leonberg.

Im Leonberger KZ wurden Vater und Sohn in verschiedene Arbeitsschichten eingeteilt, so dass sie sich nur gelegentlich kurz beim Schichtwechsel sahen.

Edoardo war durch die Arbeitsbedingungen und die Schläge so geschwächt, dass er krank im Revier lag. Als sein Sohn ihn besuchen wollte, war er schon tot. Es war der 20. Februar 1945.

Ende Februar erkrankte Riccardo an Typhus und verlor damit einhergehend das Bewusstsein. Er kam erst wieder im Waggon, der nach Dachau unterwegs war, zu sich.

Als die Häftlinge in Dachau am Rand des Lagers mit dem Zug ankamen, mussten sie die Toten aus den Waggons herausbefördern. Da das Lager in Dachau überfüllt war, wurden sie mit dem gleichen Zug, mit dem sie nach Dachau gekommen waren, nach Mühldorf weitertransportiert. Nach ungefähr zehn Tagen wurden sie von Mühldorf nach Kaufering verlegt.

Am 29. April 1945 schließlich wurden sie auf offene Waggons eines Güterzuges gebracht. Dieser wurde bei Schwabhausen als Schutzschild vor einen gepanzerten deutschen Zug gekoppelt, aus dem in Richtung auf die amerikanische Front gefeuert wurde. Die Amerikaner schossen zurück. Als der Zug stand, konnten Riccardo und einige andere aus den offenen Waggons in einen geschlossenen Waggon des gepanzerten Zuges flüchten, um sich dort zu verstecken. Der Häftlingszug wurde von den Deutschen vom gepanzerten Zug abgekoppelt, mit Benzin übergossen und angezündet. Viele kamen darin um.

Als die Häftlinge vermutlich am nächsten Tag zu sich kamen, waren sie schon in den Händen der Amerikaner, die sie in das Kloster St. Ottilien brachten, das als Krankenhaus umfunktioniert worden war. Riccardo blieb dort drei Monate.

Nach dem Krankenhausaufenthalt  wurde er in ein Sammellager nach München gebracht.  Von dort konnte er, nachdem es ihm gelungen war, seine Identität nachzuweisen, nach Hause zurückkehren.

Als Riccardo zu Hause ankam, war er immer noch in einem sehr schlechten Zustand. Es dauerte vier bis fünf Jahre, bis er wieder halbwegs hergestellt war.

Seit seiner Rückkehr in die Heimat lebt Riccardo mit seiner Familie in Opicina, arbeitete im Hafen von Triest als Elektriker, auf Schloss Miramare für die Amerikaner, die dort ihre Kommandantur hatten, und später viele Jahre bei der Zahnradbahn – der Tram –, die von Triest nach Opicina fährt. Seine Frau Eda war ebenfalls im Schloss Miramare in der Küche angestellt. Sohn Roberto arbeitete, wie der Vater, über viele Jahre bei der Tram.

Seit den 50er Jahren kam Riccardo zusammen mit seiner Frau Eda, später auch mit Sohn Roberto, der Schwiegertochter Damiana und den beiden Enkeltöchtern Alenka und Irina häufig nach Leonberg, um das Grab des Vaters zu besuchen.

Riccardo hat vor Schülern im Johannes-Kepler-Gymnasium über seine Erlebnisse gesprochen. In der Risiera di San Sabba in Triest, einer der wichtigsten Gedenkstätten Italiens, betreut er regelmäßig Besucher, dabei oft auch Schüler, und macht ihnen die Folgen des Faschismus deutlich.

Riccardo und seine Familie halten engen Kontakt zu einigen Mitgliedern der KZ-Gedenkstätteninitiative. Sein Credo ist: „Erinnern ja – hassen nein! Denn aus Hass ist das alles entstanden, was ich erlitten habe.“


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